Anonyme Bewerbung – Vorbild USA

Vorurteile gibt es leider überall – auch im Bewerbungsverfahren. Diskriminierung aufgrund des Alters, des Bewerbungsfotos oder auch des Namens ist bei Bewerbungen keine Ausnahme und trifft vor allem Migranten und Frauen. Die anonymisierte Bewerbung nach Vorbild der USA verzichtet deshalb auf gewisse persönliche Angaben und wirbt so für mehr Chancengleichheit. Was genau die anonyme Bewerbung ist und wie sie funktioniert, erfährst Du im folgenden Artikel.

Bewerbung Mann Anzug
© splitshire

In Deutschland werden anonymisierte Bewerbungen in der Praxis kaum verwendet und sind deswegen vielen deutschen Bewerbern noch unbekannt. Die USA und Kanada verwenden das Verfahren aber bereits seit den 60er Jahren. Auch Belgien nutzt anonymisierte Bewerbungsverfahren bereits seit längerer Zeit im öffentlichen Sektor. Eine Neuheit sind anonyme Bewerbungen also nicht.

Warum gibt es anonyme Bewerbungen?

Studien haben gezeigt, dass Menschen ab 50, Frauen mit Kindern und Personen mit Migrationshintergrund schlechtere Chancen haben zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden – obwohl sie dieselben Qualifikationen für den Beruf haben, wie ihre Mitbewerber.

Eine Studie des Institutes zur Zukunft der Arbeit (IZA) zeigt, dass die Chance auf eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bei Bewerbern mit einem türkischen Namen um 14 Prozent geringer ist.
Durch eine anonyme Bewerbung sollen alle Bewerber mit den gleichen Qualifikationen dieselben Chancen erhalten. Der Fokus liegt allein auf der Berufserfahrung. Nur anhand dieser Informationen – ohne Kenntnis der persönlichen Angaben – entscheiden Personaler dann, wen sie zu einem Vorstellungsgespräch einladen wollen.

Wie funktioniert eine anonyme Bewerbung?

Die anonyme Bewerbung konzentriert sich nur auf die für den Beruf wesentlichen Qualifikationen. Auf die näheren Angaben zur Person und das Foto wird deswegen im Lebenslauf und im Bewerbungsschreiben verzichtet.

Diese Angaben fehlen im Lebenslauf:

    • Der Name
    • Die Adresse
    • Das Alter
    • Das Geschlecht
    • Der Familienstand
    • Die Herkunft/Nationalität
    • Das Foto des Bewerbers

Natürlich werden auch sonst keine Jahreszahlen im Lebenslauf aufgeführt, um keine Rückschlüsse auf das Alter zuzulassen. Stattdessen geben die Bewerber nur die Gesamtdauer eines Lebensabschnitts an.

Es gibt in der Regel drei Varianten des anonymisierten Bewerbungsverfahrens. Es besteht die Möglichkeit, einen anonymisierten Online-Bewerbungsbogen auszufüllen, oder es kann ein vom Unternehmen vorgefertigtes Bewerbungsformular manuell ausgefüllt und per Post verschickt werden. Ebenso möglich ist es, eine herkömmliche Bewerbung abzuschicken, welche dann im Nachhinein (z.B. durch Schwärzen) anonymisiert wird. Erst wenn die Einladung zum Bewerbungsgespräch erfolgt ist, erhält der Personaler die vollständigen Informationen über den Bewerber, sodass er sich auf das Gespräch vorbereiten kann.

Vor- und Nachteile einer anonymen Bewerbung?

PRO Die Vorteile bei einem anonymisierten Verfahren liegen klar auf der Hand: Kandidaten werden wirklich nur anhand ihrer Qualifikationen beurteilt, da Arbeitgeber nicht mehr – bewusst oder unbewusst – von den persönlichen Angaben beeinflusst werden können. Somit erhalten auch andere Bewerbergruppen die Chance zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden und es entsteht mehr Vielfalt im Unternehmen. Außerdem können Arbeitgeber durch einheitliche Bewerbungsunterlagen die Bewerber besser vergleichen.

CON Vereinheitlichte Bewerbungsunterlagen sind aber auch ein großer Nachteil. Vor allem Berufsanfänger können so nicht mehr ihre persönlichen Stärken am Anfang hervorheben und auf eine individuelle Gestaltung setzen, sondern fallen durch ihren Mangel an Qualifikationen sofort negativ auf. Als Einstiegsbewerbung in den Beruf, eignet sich die anonymisierte Bewerbung also nicht. Außerdem schützt ein anonymes Verfahren nicht vor Diskriminierung im Vorstellungsgespräch!

Pilotprojekt in Deutschland

2011 hat die Antidiskriminierungsstelle Deutschland ein einjähriges Pilotprojekt durchgeführt, welches den Erfolg anonymer Bewerbungen bei deutschen Unternehmen testen sollte. An dem Pilotprojekt nahmen renommierte Unternehmen wie Deutsche Post, Deutsche Telekom oder auch Procter & Gamble teil. Insgesamt wurden mit Hilfe des Projekts 8.500 Bewerbungen anonymisiert und dadurch 246 Arbeitsstellen und Ausbildungsplätze besetzt. Das Ergebnis der Antidiskriminierungsstelle: Mit anonymen Bewerbungen konnte die Diskriminierung im Bewerbungsverfahren tatsächlich gemindert werden.

2013 wurden weitere Projekte in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Berlin gestartet. Andere Bundesländer prüfen momentan die Einführung eines anonymisierten Bewerbungsverfahrens. Das heißt: 2015 sind anonyme Bewerbungen zwar immer noch die Ausnahme, sie könnten aber in Zukunft vermehrt auf Bewerber zukommen.