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Anonyme Bewerbung

Diskriminierung ist ein relevantes und häufig diskutiertes Thema. Vor allem im Bewerbungsprozess können Vorurteile den Bewerbenden das Leben schwer machen. Die anonyme Bewerbung soll daher Fairness im gesamten Verfahren schaffen. Doch wie unterscheidet sich eine anonyme von einer herkömmlichen Bewerbung und was sind Vor- bzw. Nachteile der anonymisierten Variante? In diesem Fachartikel erhältst du Antworten auf häufig gestellte Fragen sowie Muster zur Veranschaulichung der anonymen Bewerbung.

Ein Beitrag von Ben Dehn

Was ist eine anonyme Bewerbung?

Eine anonyme Bewerbung schließt die Angabe jeglicher Daten aus, die Aufschluss über vorurteilsbehaftete Aspekte geben. Der Fokus in der Personalauswahl soll so ausschließlich auf die Qualifikationen und Kompetenzen der Bewerbenden gelegt werden, die für die zu besetzende Stelle relevant sind. Theoretisch sollten demnach alle mit den gleichen Fähigkeiten dieselbe Chance auf den Job haben. Dies ist notwendig, weil Bewerbende häufig durch Vorurteile benachteiligt sind. Oft sind unsere Wertvorstellungen so tief verankert, dass sie uns nicht bewusst sind. Im Bewerbungsprozess können sie Entscheidungen dann bewusst oder unbewusst beeinflussen.


In vielen Fällen erhalten Bewerbende aufgrund der negativen Einschätzung folgender Punkte keine Einladung zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch und bekommen dadurch nicht die Gelegenheit, sich zu beweisen:

  • Nationalität

  • Geschlecht

  • Migrationshintergrund

  • Alter

  • Wohlhabender Hintergrund

  • Alleinerziehende Elternteile

  • Sexualität

  • Konfession

Das IZA (Institut zur Zukunft der Arbeit) führte eine Studie durch, in der Bewerbungen einer fiktiven Person an Unternehmen geschickt wurden: Eine Version unter deutschem und eine unter türkischem Namen. In der dritten Version war eine Frau mit Kopftuch auf dem Bewerbungsfoto zu sehen. Sowohl die Unterlagen mit türkischem Namen als auch die mit dem geänderten Bild erhielten eine verminderte Anzahl an Einladungen zu einem Vorstellungsgespräch. 

Aufbau einer anonymen Bewerbung

Eine anonyme und eine herkömmliche Bewerbung unterscheiden sich vom grundsätzlichen inhaltlichen Aufbau nicht, bei der anonymen Variante werden jedoch einige Angaben weggelassen.


In den Bewerbungsunterlagen müssen folgende Punkte unkenntlich gemacht bzw. ausgelassen werden:

  • Bewerbungsfoto

  • Jahreszahlen, Zeitangaben (aus denen auf das Alter geschlossen werden kann)

  • Geschlecht (männliche / weibliche Berufsbezeichnungen)

  • Hobbys im Lebenslauf / persönliche Interessen

  • Persönliche Daten (Name, Adresse, aussagekräftige E-Mail-Adresse, Handynummer, Geburtsdatum / -ort, Staatsangehörigkeit, Familienstand, Konfession)

Außerdem solltest du auf Angaben verzichten, die typisch für einen bestimmten Zeitraum oder ein Geschlecht sind. Die Ableistung eines verpflichtenden Wehrdienstes könnte zum Beispiel implizit Informationen darüber liefern. Die Erstellung eines Deckblattes oder eines Motivationsschreibens ist überflüssig, da die Mehrheit der Informationen anonymisiert werden müsste. 

Vor- und Nachteile der anonymen Bewerbung

Zwar mag die anonyme Bewerbung im ersten Moment äußerst vorteilhaft erscheinen, aber auch diese Form der Bewerbung bringt ebenso wie die herkömmliche Variante sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich. Welche das sein können, kannst du den folgenden Listen entnehmen. 

Vorteile:

  • Chancengleichheit und Fairness: Das Wichtigste ist natürlich die geschaffene Chancengleichheit unter den Bewerbenden. Vorurteile werden nicht zugelassen und niemandem kann die Möglichkeit auf einen Arbeitsplatz verwehrt werden.

  • Erleichterter Vergleich: Ein standardisierter Bewerbungsbogen, in dem nur die Qualifikationen aufgeführt sind, erleichtert Personalverantwortlichen den Vergleich der zahlreichen Bewerbenden.

  • Effizienz bei der Sichtung der Unterlagen: Dadurch, dass die Bewerbungen insgesamt weniger Informationen enthalten, erfolgt die Prüfung der Bewerbungsunterlagen schneller und effizienter.

Nachteile:

  • Ungeeignet für Berufseinsteigende: Der Lebenslauf von Berufseinsteigenden ist noch recht mager und daher müssen sie sich im Normalfall mit ihrer Persönlichkeit für einen Job empfehlen.

  • Einzelfälle: In bestimmten Branchen und Berufen (z.B. bei Führungspositionen) ist die Individualität ausschlaggebend und sollte nicht im Bewerbungsverfahren untergraben werden.

  • Fehlende Individualität: Eine umfangreiche Aussage über den Charakter zu treffen, ist unmöglich, auch wenn dieser ausschlaggebend für die Vergabe einer Stelle sein kann.

  • Lücken im Lebenslauf: Es können Lücken entstehen, wenn du z.B. den Grundwehrdienst aus den Unterlagen streichen musst, da dieser dein Geschlecht verraten könnte.

  • Aufwand: Die Einführung eines standardisierten, anonymen Bewerbungsverfahrens ist für Unternehmen mit sehr großem Aufwand verbunden.

Eine Alternative zum komplett anonymen Bewerbungsverfahren, könnte eine abgewandelte Version sein, in der beispielsweise Informationen zum Geschlecht angegeben werden. Auf diese Weise kann ein Unternehmen zum Beispiel trotzdem die Frauenquote einhalten, die es sich gesetzt hat.

Kritik an der anonymen Bewerbung

Obwohl es eine gute Sache ist, Diskriminierung verhindern zu wollen, könnten Bewerbende unter einer anonymen Bewerbung leiden. Ein Grund dafür kann sein, dass sie ihre individuelle Persönlichkeit nicht zum Ausdruck bringen können und dadurch keine Diversität gewährleistet ist.


Für viele mag die anonyme Bewerbung auf den ersten Blick vielversprechend erscheinen, doch der ausschlaggebende Punkt im Bewerbungsprozess ist das persönliche Gespräch und dort sind Bewerbende grundsätzlich nicht vor Diskriminierung geschützt. Sinnvoller wäre es doch, stattdessen die verankerten Vorurteile bei Mitarbeitenden und eben auch Personalverantwortlichen zu bekämpfen.

Anonyme Bewerbung erstellen – Beispiele

Du hast mehrere Möglichkeiten, wie du eine anonyme Bewerbung erstellen und deinem Wunschunternehmen zukommen lassen kannst. Bei allen Varianten steht die Chancengleichheit und der Schutz vor Diskriminierung im Vordergrund, indem auf das Erfragen personenbezogener Daten verzichtet wird.

Anonymes Online-Bewerbungsverfahren

In diesem Fall wird dir ein Bewerbungsbogen zur Verfügung gestellt, in den du alle wichtigen Informationen eingeben kannst. Bei diesen standardisierten Formularen wird auf Bewerbungsfotos, Zeugnisse sowie persönliche Daten verzichtet. Dieses Verfahren hat den Vorteil, dass es einheitlich für alle Bewerbenden ist und den Personalentscheidenden die Auswertung und vor allem auch den Vergleich der Unterlagen erleichtert.


Alternativ dazu kannst du dir bei manchen Unternehmen einen standardisierten Bewerbungsbogen herunterladen, diesen ausfüllen und dann an dein Wunschunternehmen senden.

Auch eine Recruiting-Plattform kann der richtige Ort für eine anonyme Bewerbung sein. Workship beispielsweise ist ein kostenloses, komplett anonymes und diskriminierungsfreies Portal, bei dem Name, Geschlecht, Alter, Herkunft und ein Bewerbungsfoto keine Rolle spielen. Stattdessen stehen nur die Fähigkeiten und Kompetenzen der Bewerbenden im Vordergrund.  Nachdem du dir dort ein kostenloses Profil erstellt hast, kannst du dich zurücklehnen und auf passende Jobangebote warten.

Die nachträgliche Anonymisierung

Hast du bereits eine vollständige Bewerbung erstellt, kannst du im Nachhinein die Felder schwärzen, bei denen es nötig ist. In manchen Fällen kannst du die Bewerbung aber auch der Personalabteilung des entsprechenden Unternehmens zusenden. Dort wird sich darum gekümmert, dass die persönlichen Angaben geschwärzt werden, bevor sie zur verantwortlichen Person weitergeleitet werden. Um zu verdeutlichen, wie eine anonyme Bewerbung umgesetzt werden könnte, folgt ein Bild eines beispielhaften Lebenslaufs. Die blau überdeckten Felder würden in einer anonymen Bewerbung geschwärzt bzw. angepasst werden. 

Beispiel nachträgliche Anonymisierung Lebenslauf



1. Deine Kontaktdaten sollten keine Rückschlüsse auf deine Herkunft, dein Geschlecht und dein Alter zulassen. Verwende eine neurale E-Mail-Adresse, sodass auch diese nichts preisgibt.


2. Ein Bewerbungsfoto würde gleich mehrere Informationen auf einmal offenbaren und sollte deshalb bei einer anonymen Bewerbung weggelassen werden.

3. Jahreszahlen müssen unkenntlich gemacht werden. Im Anschreiben solltest du zum Beispiel nicht das Jahr, in dem du dein Abitur gemacht hast, erwähnen. Im Lebenslauf sollten zwar deine Aus- und Weiterbildungen sowie beruflichen Qualifikationen aufgeführt werden, allerdings ohne Zeitangaben.

4. Dein Geschlecht darf nicht aus der Berufsbezeichnung hervorgehen. Nenne am besten die männliche und weibliche Bezeichnung (Bsp.: Informatiker / -in).

5. Das Sprachniveau „Muttersprache“ gibt Informationen zu deiner Nationalität preis. Es muss deshalb unkenntlich gemacht werden.

6. Eine anonyme Bewerbung sollte nicht unterschrieben werden, da auch hier Rückschlüsse auf Geschlecht und Herkunft möglich sind. 

Kostenlose Vorlagen – Muster für eine anonyme Bewerbung

Erfahrungen in Deutschland

Andere Länder wie beispielsweise die USA oder Kanada setzen die anonyme Bewerbung bereits seit den 60er Jahren ein. In Deutschland hingegen genießt diese Form der Bewerbung noch nicht den Bekanntheitsgrad, den sie vielleicht verdient. Im Jahre 2011 erlangte das Thema erstmals größere Aufmerksamkeit dank der Einführung des Pilotprojektes durch die Antidiskriminierungsstelle. Ziel dieses Projektes war es, die Umsetzbarkeit und Wirkung der anonymen Bewerbung zu testen.


An dem Pilotprojekt nahmen neun Unternehmen (unter anderem die Deutsche Post, Deutsche Telekom oder auch Procter & Gamble) teil. In dem Zeitraum von einem Jahr wurden insgesamt 8.500 Bewerbungen anonymisiert und 246 Arbeitsstellen und Ausbildungsplätze besetzt. Mit den anonymen Bewerbungen konnte die Diskriminierung im Bewerbungsverfahren tatsächlich gemindert werden. Vor allem Bewerbende mit Migrationshintergrund und Frauen profitierten von der anonymen Bewerbung. 


Allerdings sind die Unternehmen sehr skeptisch gegenüber dem Prozedere und haben es nach dem Testjahr des Pilotprojekts wieder eingestellt. Oft wird argumentiert, dass ein anonymisiertes Verfahren keine aussagekräftigen Unterschiede in der Bewerbendenauswahl bewirkt habe. 

Das Projekt erhielt die Kritik, dass eine Vergleichsgruppe sowie konkrete Zahlen und Belege gefehlt hätten, um eine triftige Aussage treffen zu können.

Vorstellungsgespräch nach einer anonymen Bewerbung

Wenn deine Bewerbung überzeugt hat, wirst du mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Während dieses persönlichen Gesprächs ist es unmöglich, deine Identität anonym zu halten. Erreichst du also diese Stufe des Bewerbungsprozesses, wird die Person hinter den vielversprechenden Qualifikationen zwangsläufig enttarnt.


Leider kannst du hier nicht mehr vor Diskriminierung „geschützt“ werden. Im Optimalfall sind die Personalentscheidenden bereits so von deinen Qualifikationen begeistert, dass unbewusste Vorurteile keinen Einfluss mehr haben. Jetzt liegt es an dir, deine Kenntnisse gut zu verkaufen und dich als für die Stelle geeignet zu präsentieren. Selbstsicheres Auftreten und eine gute Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch sind das A und O.


Versuche, den bevorstehenden Druck und die Nervosität vorher zu bewältigen. Denn genauso wie bei einem klassischen Bewerbungsverfahren gilt: Du solltest den bestmöglichen ersten Eindruck hinterlassen, indem du sympathisch und motiviert wirkst. Die Recherche über das Unternehmen, eine hervorragende Selbstpräsentation und das Vorbereiten auf die wichtigsten Fragen sollten unbedingt erfüllt sein, bevor du dann in das „blinde“ Gespräch gehst.


Zwei Beispielformulierungen, wie du das Vorstellungsgespräch nach einer anonymen Bewerbung einleiten kannst: 

  • „Vielen Dank für die Chance, mich hier vorstellen zu dürfen. Ich finde es bewundernswert, dass ihr Unternehmen Chancengleichheit und einen fairen Bewerbungsprozess fördert.“

  • „Ich freue mich sehr, dass Sie mich zum Vorstellungsgespräch eingeladen haben. Dass Sie ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren unterstützen, zeigt mir, dass Ihr Unternehmen Diskriminierung keine Chance gibt, und das finde ich wirklich großartig.“


Ein Foto von Ben Dehn

Autor: Ben Dehn

Ben entschied sich nach seinem Lehramtsstudium dazu, seinen Weg zunächst im Journalismus zu bestreiten. Nach sieben Jahren bei Print, Online und Radio heuerte er 2013 bei der webschmiede GmbH an und betreute im „Die Bewerbungsschreiber“ Team Personen auf sämtlichen Hierarchieebenen. Durch seine Tätigkeit konnte er sein Know-how im Karrierebereich stetig vertiefen. Heute schreibt Ben Dehn hilfreiche Fachartikel, hält Vorträge und gibt Interviews, Workshops & Seminare.


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