Anonyme Bewerbung – Was ist das und was soll sie bewirken?

Vorurteile können sich für einige positiv, für andere jedoch negativ auswirken. Oft sind unsere Wertvorstellungen so tief verankert, dass sie uns nicht bewusst sind. Im Bewerbungsprozess können sie Entscheidungen bewusst oder unbewusst beeinflussen. Das Ziel der anonymen Bewerbung ist es, dieser Ungleichheit in der Behandlung vorzubeugen und Chancengleichheit unter allen Bewerbern zu schaffen.

Oft erhalten Bewerber aufgrund der negativen Einschätzung folgender Punkte keine Einladung zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch und missen dadurch die Gelegenheit, sich zu beweisen:

  • Nationalität
  • Geschlecht
  • Migrationshintergrund
  • Alter
  • Wohlhabender Hintergrund
  • Alleinerziehende Elternteile
  • Sexualität
  • Usw.

Eine anonyme Bewerbung schließt die Angabe jeglicher Daten aus, die Aufschluss über diese Aspekte geben. Der Fokus in der Personalauswahl soll so ausschließlich auf die Qualifikationen und Kompetenzen des Bewerbers gelegt werden, die für die zu besetzende Stelle relevant sind. Theoretisch sollten demnach Bewerber mit den gleichen Qualifikationen dieselbe Chance für den Job haben.

DOKUMENT Das IZA (Institut zur Zukunft der Arbeit) führte eine Studie durch, in der Bewerbungen einer fiktiven Person an Unternehmen geschickt wurden: Eine Version unter deutschem und eine unter türkischem Namen. In der dritten Version war die Frau auf dem Bewerbungsfoto mit Kopftuch zu sehen.

Sowohl die Unterlagen mit türkischem Namen, als auch die mit dem geänderten Bild, erhielten eine verminderte Anzahl an Einladungen zu einem Vorstellungsgespräch.




Aufbau – Anonyme Bewerbung erstellen

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie du eine anonyme Bewerbung erstellen und dem Arbeitgeber zukommen lassen kannst.

1. Anonymes online Bewerbungsverfahren

In diesem Fall wird dir als Bewerber ein Bewerbungsbogen zur Verfügung gestellt, in den du alle wichtigen Daten eingeben kannst. Auf die Nachfrage zu persönlichen Daten wird dementsprechend verzichtet. Dieses Verfahren hat den Vorteil, dass es einheitlich für alle Bewerber ist und den Personalern die Auswertung bzw. den Vergleich der Bewerber erleichtert.

2. Anonyme Bewerbungsbögen

Diese Methode ähnelt der ersten Variante stark. Es handelt sich ebenfalls um standardisierte Bögen, die von den Bewerbern ausgefüllt werden. Diese Bögen werden oft auf der Website des Unternehmens zum Download bereitgestellt. Nachdem du sie ausgefüllt hast, kannst du sie deinem Wunschbetrieb zukommen lassen.

TIPP Damit der Arbeitgeber Kontakt zu dir aufnehmen kann, wird sich meistens nach einer E-Mail Adresse erkundigt. Achte darauf, dass diese neutral formuliert ist und keine Namen o.ä. enthält. Das Gleiche gilt für den Fall, dass du dem Unternehmen deine Unterlagen zukommen lässt.

Beispiel:
a.m@mail.de

3. Die nachträgliche Anonymisierung

Hast du bereits eine vollständige Bewerbung erstellt, kannst du im Nachhinein die Felder schwärzen, bei denen es nötig ist. In manchen Fällen kannst du die Bewerbung aber auch der Personalabteilung des entsprechenden Unternehmens zusenden. Dort wird sich darum gekümmert, dass die persönlichen Angaben geschwärzt werden, bevor sie zum verantwortlichen Personaler weitergeleitet werden.

Eine anonyme und eine normale Bewerbung unterscheiden sich vom grundsätzlichen inhaltlichen Aufbau nicht, in der anonymen Bewerbung werden einige Angaben jedoch weggelassen. In den Bewerbungsunterlagen müssen folgende Punkte unkenntlich gemacht bzw. ausgelassen werden:

  1. Persönliche Daten (Name, Adresse, aussagekräftige E-Mail-Adresse, Handynummer, Geburtsdatum /-ort, Staatsangehörigkeit, Familienstand)
  2. Bewerbungsfoto
  3. Jahreszahlen, Zeitangaben (aus denen auf das Alter geschlossen werden kann)
  4. Geschlecht (männliche / weibliche Berufsbezeichnungen)
  5. Staatsangehörigkeit / Nationalität
  6. Konfession
  7. Hobbies / persönliche Interessen

Um zu verdeutlichen, wie eine anonyme Bewerbung umgesetzt werden könnte, haben wir Bilder zur Veranschaulichung erstellt. Die grün überdeckten Felder würden in einer anonymen Bewerbung geschwärzt werden.

  1. Eine neutrale E-Mail-Adresse muss nicht unbedingt geschwärzt werden.
    Achte darauf, dass du auch deine Unterschrift am Ende des Lebenslaufs und des Anschreibens schwärzt.
  2. Ein Bewerbungsfoto würde gleich mehrere Informationen auf ein Mal preisgeben.
  3. Jahreszahlen müssen unkenntlich gemacht werden. Im Anschreiben solltest du z. B. nicht das Jahr, in dem du dein Abitur gemacht hast, erwähnen. Im Lebenslauf sollten zwar deine Aus- und Weiterbildungen sowie beruflichen Qualifikationen aufgeführt werden, allerdings ohne Zeitangaben.
  4. Dein Geschlecht darf nicht aus der Berufsbezeichnung deutlich werden. Nenne am Besten die männliche und weibliche Bezeichnung (Bsp.: Informatiker /-in).
  5. Der Sprachniveau „Muttersprache“ gibt Information zu deiner Nationalität preis. Es muss deshalb umschrieben oder geschwärzt werden.

Außerdem darfst du keine Angaben machen, die typisch für einen bestimmten Zeitraum oder ein Geschlecht sind. Die Ableistung des verpflichtenden Wehrdienstes könnte für ein bestimmtes Geschlecht sprechen und einen Zeitraum eingrenzen.

Die Erstellung eines Deckblattes oder eines Motivationsschreibens ist überflüssig, da die Mehrheit der Informationen anonymisiert werden müsste.

Muster zur Veranschaulichung

Anschreiben geschwärzt
Anschreiben gratis herunterladen
Lebenslauf geschwärzt
Lebenslauf gratis herunterladen

Wir haben dir zwei Vorlagen zur Veranschaulichung erstellt. Hier siehst du, wie du deine Bewerbungsunterlagen schwärzen kannst. Du kannst die Muster ganz einfach als .docx Datei herunterladen und mit Microsoft Word bearbeiten.

Bewerbungs-Designs

Das Anschreiben und der Lebenslauf in der Downloadvorlage zur Veranschaulichung einer anonymen Bewerbung sind in unserem Vorlagendesign „Kommunikativ“ gestaltet. Stöbere gerne in unseren kostenlosen Bewerbungsvorlagen nach weiteren Mustern.

Anschreiben Vorlage Motiviert
Zur Vorlage
Anschreiben Vorlage Word
Zur Vorlage
Anschreiben Vorlage Business
Zur Vorlage
Anschreiben Vorlage 2019
Zur Vorlage
Weitere Designs für deine Bewerbung

Pro & Contra der anonymen Bewerbung

PRO

 

  • Erleichterter Vergleich
    Ein standardisierter Bewerbungsbogen, in dem nur die Qualifikationen aufgeführt sind, erleichtert den Personalern den Vergleich von zahlreichen Bewerbern.
  • Effizienz bei der Sichtung der Unterlagen
    Dadurch, dass die Bewerbungen insgesamt weniger Informationen enthalten, erfolgt die Sichtung schneller und dementsprechend effizienter. Bewerber erhalten so schneller Rückmeldung und profitieren neben den Personalern ebenfalls.
  • Chancengleichheit und Fairness
    Das Wichtigste ist natürlich die geschaffene Chancengleichheit unter den Bewerbern. Vorurteile werden nicht zugelassen und niemandem kann aufgrund von Geschlecht, Konfession, etc. die Möglichkeit auf einen Arbeitsplatz verwehrt werden.
CONTRA

 

  • Ungeeignet für Berufseinsteiger
    Junge Absolventen und Berufseinsteiger leiden unter einer Anonymisierung der Bewerbung. Ihr Lebenslauf ist noch recht mager und sie müssen sich im Normalfall hauptsächlich mit ihrer Persönlichkeit für einen Job empfehlen. Das ist mit einer anonymen Bewerbung äußerst schwer.
  • Einzelfälle
    Nicht nur bei Berufseinsteigern, sondern auch in bestimmten Branchen und Berufen (z. B. bei Führungspositionen) ist die Individualität einer Person ausschlaggebend und sollte nicht im Bewerbungsverfahren untergraben werden.
  • Aufwand
    Die Einführung eines standardisierten, anonymen Bewerbungsverfahrens ist für Unternehmen sehr groß.
  • Verlagerung der Diskriminierung
    Oft wird kritisiert, dass die Diskriminierung zwar in der ersten Runde ausgeschlossen wird, die Bewerber in einem persönlichen Bewerbungsgespräch aber nicht davor geschützt seien.

Das anschließende Vorstellungsgespräch

Wenn deine Bewerbung überzeugt hat, wirst du mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Wie du dir bestimmt vorstellen kannst, ist es unmöglich, deine Identität während eines persönlichen Gesprächs anonym zu halten. Erreichst du also diese Stufe des Bewerbungsprozesses, wird das Geheimnis gelüftet und die Person hinter den vielversprechenden Qualifikationen enttarnt.

Leider kannst du hier nicht mehr vor Diskriminierung „geschützt“ werden. Im Optimalfall sind die Personaler bereits so von deinen Qualifikationen begeistert, dass unbewusste Vorurteile nicht mehr das Sagen haben. Jetzt liegt es an dir, deine Kenntnisse gut zu verkaufen und dich als geeigneten Kandidaten zu präsentieren. Selbstsicheres Auftreten und eine gute Vorbereitung auf das Gespräch sind das A und O.

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Anonyme Bewerbung in Deutschland

Andere Länder wie beispielweise die USA oder Kanada setzen die anonyme Bewerbung bereits seit den 60er Jahren ein. Außerdem hat das Verfahren in Belgiens öffentlichem Sektor Anklang gefunden. In Deutschland hingegen genießt die anonyme Bewerbung noch nicht den Bekanntheitsgrad, den sie vielleicht verdient.

Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle

Im Jahre 2011 erlangte das Thema erstmals größere Aufmerksamkeit dank der Einführung des sogenannten Pilotprojektes durch die Antidiskriminierungsstelle. Ziel dieses Projektes war es, die Umsetzbarkeit und die Wirkung des Ganzen zu testen.

An dem Pilotprojekt nahmen neun Unternehmen (unter anderem Deutsche Post, Deutsche Telekom oder auch Procter & Gamble) teil. In dem Zeitraum von einem Jahr wurden insgesamt 8.500 Bewerbungen anonymisiert und 246 Arbeitsstellen und Ausbildungsplätze besetzt.

TIPP Das Projekt erhielt die Kritik, dass eine Vergleichsgruppe sowie konkrete Zahlen und Belege gefehlt hätten, um eine triftige Aussage treffen zu können.

Das Ergebnis der Antidiskriminierungsstelle:

Mit anonymen Bewerbungen konnte die Diskriminierung im Bewerbungsverfahren tatsächlich gemindert werden. Vor allem Bewerber mit Migrationshintergrund und Frauen profitierten von der anonymen Bewerbung. Allerdings sind Unternehmen sehr skeptisch gegenüber dem Prozedere und haben es nach dem Testjahr des Pilotprojekts wieder eingestellt. Oft wird argumentiert, dass ein anonymisiertes Verfahren keine aussagekräftigen Unterschiede in der Bewerberauswahl bewirkt habe. Der Elektrotechnikhersteller Bürkle + Schöck ist laut der Antidiskriminierungsstelle der einzige Betrieb in Deutschland, der auf anonyme Bewerbungen setzt. Weitere Unternehmen, wie z.B. Siemens, verzichten dafür auf einzelne Angaben wie Bewerbungsfotos.

Fazit und Reflektion

Ob Diskriminierung nun bewusst oder unbewusst erfolgt, es sollte alles daran gesetzt werden, dass sie qualifizierten Bewerbern nicht die Chance auf ihren Traumjob nimmt. Eine anonyme Bewerbung kann hier ein möglicher Schritt sein, auch wenn sie einige mögliche Probleme mit sich bringt.

Mögliche Probleme einer anonymen Bewerbung

  • Es können Lücken im Lebenslauf entstehen, wenn du z. B. den Grundwehrdienst aus den Unterlagen streichen musst, da er dein Geschlecht verraten könnte.
  • Da die Persönlichkeit gerade bei der zwischenmenschlichen Passung eine zentrale Rolle spielt, kann es natürlich sein, dass Bewerber mit hervorragendem fachlichem Wissen und Erfahrung angestellt werden, die Konstellation unter den Kollegen aber überhaupt nicht funktioniert.
  • In einem Motivationsschreiben und auf dem Deckblatt müssten große Teile des Inhalts ausgespart werden, da auf persönliche Ziele oder Motivationsbegründungen eingegangen wird.
  • Eine umfangreiche Aussage über den Charakter zu treffen, ist quasi unmöglich, auch wenn dieser ausschlaggebend für die Vergabe einer Stelle sein kann.
  • Die so häufig angestrebte Quotenregelung zur Verteilung von männlichen und weiblichen Mitarbeitern könnte problematisch werden, wenn man keinerlei Informationen zum Geschlecht hat. Durch die anonyme Bewerbung übersehen Unternehmen unter Umständen Bewerber bestimmter Gruppen (z. B. Bewerber mit Migrationshintergrund), die sie unter normalen Umständen zum Vorstellungsgespräch eingeladen hätten. So kann sich die Anonymisierung auch negativ auswirken und widerspricht den eigentlichen Absichten.

Falls Firmen nicht komplett von der Idee eines anonymen Bewerbungsverfahrens ablassen wollen, könnten sie eine abgewandelte Version nutzen, in der zum Beispiel Informationen zum Geschlecht gegeben werden. Auf diese Weise können Quoten (wie eine Frauenquote), die sie sich gesetzt haben, eingehalten werden. Außerdem wäre es von Vorteil, ein einheitliches Formular zu erstellen, was für alle Bewerbungen genutzt werden kann.

TIPP Es ist generell ratsam, dass Unternehmen ihr Image bezüglich Toleranz und Diversität aufbessern. Viele Unternehmen sind bereits dabei, sich gegen Diskriminierung und für Diversität einzusetzen. Sie auf Ihrer Website und in den Stellenanzeigen usw. deutlich machen, dass sie offen für Bewerber / Mitarbeiter aller Nationalitäten, jeden Alters und Konfession, etc. sind.

Zukunftsaussichten

Nach Ende des Pilotprojektes wurde zwar ein positives Fazit einiger Unternehmen ausgesprochen, da das Gefühl bestand, sich weniger durch persönliche Angaben beeinflusst zu fühlen, allerdings kehrten die Unternehmen zur üblichen Vorgehensweise zurück. Das deutet an, dass sich die Etablierung eher schwierig gestalten würde. 2013 wurden nach dem Pilotprojekt weitere Projekte in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Berlin gestartet. Andere Bundesländer prüfen momentan die Einführung eines anonymisierten Bewerbungsverfahrens.

Die Ablehnung der Unternehmen gegenüber dem Verfahren kann natürlich auch darin begründet liegen, dass das Nutzen dieser Methode als Geständnis für die fehlende Chancengleichheit im Bewerbungsverfahren in ihrem Betrieb gesehen wird.




Kritische Anmerkung:

Obwohl es eine gute Sache ist, Diskriminierung verhindern zu wollen, könnten Bewerber unter einer anonymen Bewerbung leiden. Sie können ihre außerordentliche Persönlichkeit nicht zum Vorschein bringen, durch die die eigentliche Diversität gewährleistet wird.

Für viele mag die anonyme Bewerbung auf den ersten Blick vielversprechend erscheinen, doch der ausschlaggebende Punkt im Bewerbungsprozess ist das persönliche Gespräch und dort ist kein Bewerber vor Diskriminierung geschützt. Sinnvoller wäre es doch, stattdessen die verankerten Vorurteile bei Mitarbeitern und eben auch Personalern zu bekämpfen.

Von |2019-11-12T15:40:57+02:0012. November 2019|Bewerbungstipps|